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Kann man alles verzeihen? Soll man alles verzeihen?

Kleine Überlegungen zum  Buch „Das Buch Änglaxia – Goldegges Lied“ für Eltern und Großeltern

von Margarete Lamsbach

Stellt Euch vor, Ihr lest mit eurem Kind oder Enkelkind die Geschichte vom jungen Draaken Karfunkel. Gerade hat Karfunkel erfahren, dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern sind. Prompt kommt die erste Frage, wie das denn möglich ist. Ihr erklärt geduldig, dass es verschiedene Familien gibt und dass es die gegenseitige Liebe ist, die eine Familie zur Familie macht. Erste Hürde genommen.

Doch dann geht es erst richtig los. Karfunkel hört, dass seine leiblichen Eltern vor sehr langer Zeit von einem Schwarzdraaken getötet wurden. Er sieht sich vor die Aufgabe gestellt, dem Unhold zu verzeihen. Ein starkes Stück, nicht wahr?

Prompt sagt euer Kind vielleicht: „Also Mama, dem würde ich nie verzeihen, wenn der Dich umgebracht hätte.“

Ich finde, dass ist eine menschliche und verständliche Reaktion. Wie gehen wir als Erwachsene damit um?

Wie immer bei komplexen Fragen von Menschlichkeit gibt es auch hier nicht nur einen Weg. In der konkreten Vorlesesituation kann es sinnvoll sein, das Lesen zu unterbrechen und eine kleine Unterhaltung über das große Thema Verzeihen zu führen. Aber mal ehrlich, wer von uns kann das einfach so aus dem Stehgreif?

Deshalb würde ich so etwas sagen wie: „Ja, das ist wirklich viel verlangt. Das finde ich auch. Wollen wir vielleicht erst einmal weiter lesen? Dann erfahren wir, was Karfunkel macht.“

Zeit gewonnen, um selbst einmal in Ruhe nachzudenken über ein Thema, das für uns Erwachsene genauso schwierig ist wie für Kinder. Ihr würdet anders damit umgehen? Wie gesagt, es gibt auch andere Wege, vielleicht sogar bessere.

Irgendwann ist die letzte Seite gelesen und wir wissen, Karfunkel hat verziehen. Was hat er da genau gemacht?

Zuerst einmal hat er gesagt: „Ich verzeihe dir.“ Karfunkel muss jedoch erst einmal eine innere Wandlung vollziehen, bevor er die befreienden Worte sprechen kann.

Niemand wird ihm übel nehmen, dass er Lukasz verurteilt. Die Folgen der Tat treffen ja nicht nur Karfunkel, sondern alle Draaken.

Doch da passiert etwas Entscheidendes - Siri, die Bewahrerin der tiefsten Geheimnisse verlangt, dass Karfunkel die Draakenstämme vereint. Und das geht nur, wenn Karfunkel verzeiht. Der Wille, diesen Auftrag zu erfüllen, ist der Anlass, sich mit der Person des Täters auseinander zu setzen und letztlich zu vergeben.

Ihr glaubt, so einfach ist das mit dem Vergeben nicht? Tja, da habt Ihr sicherlich recht. Es muss ja einen Grund geben, dass viel klügere Leute als ich lange über diese Frage nachgedacht haben.

Man könnte sagen, dass es Taten gibt, die so schwerwiegend sind, dass sie niemals Verzeihung verdienen. Dann dürfte Karfunkel Lukasz nicht vergeben, denn etwas Schlimmeres als den Tod seiner Eltern gibt es ja nicht.

Andere meinen, dass jemand bestraft werden muss, der etwas sehr Schlimmes getan hat. Erst wenn er die Strafe verbüßt hat, kann ihm verziehen werden. Aber worin sollte diese Strafe bestehen? Mal ehrlich, selbst die jahrelange Verbannung von Lukasz würde Karfunkels Eltern nicht zurück bringen. Auch dann nicht, wenn der Täter tief bereut, was er getan hat.

Was also sagen wir unseren Kindern und Enkelkindern? Warum kann es gut sein zu verzeihen?

Vielleicht hilft es sich anzusehen, was Schmerz, Trauer, Verzweiflung und Hass auf Dauer mit Karfunkel machen würden. Wenn er seine Rachegedanken weiter mit sich rum trägt, hat das Leben keinen Glanz mehr für ihn. Oder kennt Ihr jemanden, der mit lang anhaltendem Groll im Herzen ein zufriedenes glückliches Leben führt?

Ich habe da ein Bild vor Augen. Trauer, Wut, Wunsch nach Rache und andere negative Gefühle sind schwere Wackersteine, die Karfunkel mit sich rum schleppt, seit er von Lukasz und seiner frevelhaften Tat erfahren hat.

Je länger er sie trägt umso schwerer werden sie. Eines Tages wird er unter dieser Last zusammen brechen. Die Wackersteine machen ihn so zum Opfer des Täters. Nur wenn er diese Gefühle loslassen kann, wird er frei sein. Dann wird es ihm irgendwann besser gehen. Das heißt nicht, dass er vergisst, was passiert ist. Er befreit sich nur von den Wackersteinen und das ist das Verzeihen.

Jeder wird seine eigenen bewährte Wege finden, dieses schwierige Thema mit seinen Kindern/Enkeln zu besprechen. Der von mir angebotene Weg ist einer von vielen. Ihr habt andere Gedanken dazu? Ich würde mich sehr freuen, von Euch zu hören, z.B. über diese Webseite oder direkt an margarete.lamsbach@gmx.de.

 

Margarete

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