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Leseprobe

Das Buch Änglaxia – Goldegges Lied


Kneifer und Schwanzrassel 

Erschöpft erreichte Lukasz das Land, in dem er seit Jahrhunderten lebte, fern von den Seinen. Sand, soweit das Auge schaute, vereinzelt Felsen, Hitze und Trockenheit. Hierhin hatte seine Tat ihn geführt.

Anfangs hatte die Einsamkeit ihn verzweifeln lassen. Damals, als er noch keinem anderen Wesen begegnet war. Doch das hatte sich zum Glück geändert.

Er teilte diesen unwirtlichen Ort mit Geschöpfen, die ihm fremd waren. Anders als Lukasz lebten sie hier, weil es ihre Bestimmung war. Mit einigen verband ihn sogar Freundschaft.

Seine besten Freunde waren der Kneifer Crolito und die Schwanzrassel Tangi. Beides wehrhafte Geschöpfe, die einem Mitbewohner durchaus gefährlich werden konnten.

Das hatte Lukasz leidvoll am eigenen Körper erfahren, als Crolito ihn mit seinem Giftstachel in das Hinterteil gestochen hatte.

Crolito war so winzig, dass Lukasz ihn und seine Höhle im Sand erst gar nicht bemerkt hatte. Erst durch den Stich wurde er aufmerksam und sprang auf. Der Schmerz nahm immer mehr zu und drohte ihm den Verstand zu rauben. Er vollführte einen Tanz, der so beeindruckend war, dass die Bewohner der Sandlandschaft ihn später in die Märchen für ihre Kinder einflochten.

„He, beruhige dich mal. So ein großes Tier wie du wird doch wohl einen so kleinen Piekser aushalten?”

„Wer bist du? Zeig dich gefälligst, du Feigling.” Der Schmerz begann nachzulassen.

„Na hör mal. Wenn du nur einen Fuß auf mich drauf setzt, zerspringt mein Panzer in tausend Einzelteile und ich bin von diesen Sandkörnern nicht mehr zu unterscheiden. Ich bin doch nicht lebensmüde. Warum soll ich dir sagen, wo ich bin?”

„Ist der Piekser tödlich?”

„Nö, glaub ich nicht.”

„Was heißt das, du glaubst es nicht?”

„Naja, so ein riesiges Tier habe ich noch nie gestochen. Der Letzte, den ich gestochen habe, war deutlich kleiner als du. Der hat mir anschließend gut geschmeckt.”

„Erstens bin ich kein Tier. Ich bin ein Draake. Genauer gesagt ein Schwarzdraake. Zweitens würde ich dir niemals ein Haar krümmen. Es ist eines Draaken nicht würdig, Winzlinge anzugreifen.”

„Hm, du hast meine Höhle eben fast zum Einsturz gebracht und dann wäre mir nicht nur ein Haar gekrümmt worden, sondern alles andere gleich mit.”

„Das liegt ja nur daran, dass du dich nicht zeigst. Wenn ich dich sehen würde, könnte ich aufpassen, dass dir nichts passiert.”

„Ehrlich?”

„Ehrlich.”

„Ich trau mich aber nicht.”

Lukasz freute sich, dass er in dieser Einöde jemanden gefunden hatte, mit dem er sich unterhalten konnte. Deshalb lag ihm sehr daran, dass der Kleine ihm vertraute.

„Ich mache dir ein Angebot. Ich schließe die Augen und du setzt dich auf meine Nase. Du musst mir aber versprechen, dass du mich nicht stichst. Meine Nase ist nämlich noch viel empfindlicher als mein Hinterteil. Die Augen mache ich erst auf, wenn du Bescheid sagst.”

„Wo ist denn dein Kopf?”

„Du weißt nicht, wo mein Kopf ist?”

„Ich kann nur hell und dunkel unterscheiden.”

„Wie konntest du dann mein Hinterteil treffen?”

„Das war Zufall. Genauso gut hätte ich deine Ohren treffen können.”

Beide dachten eine Weile über das Problem nach.

Crolito fragte: „Kann deine Nase Wind machen?”

Er erklärte Lukasz, dass er sich sehr gut mit Hilfe von Windströmungen und Vibrationen orientieren konnte.

Lukasz begann vorsichtig seine Ohren im Kreis zu drehen. Damit hatte er schon als kleines Kind seine Schwester zum Lachen gebracht. Das konnte noch lange nicht jeder Draake.

„Kommt der Wind von deiner Nase?”

„Nein, von den Ohren. Aber wenn du einmal bei den Ohren bist, ist es nicht mehr weit bis zu meiner Nase. Kletterst du oder fliegst du?”

„Ich laufe.”

„Dann lauf los.”

„Du darfst dich aber nicht schütteln. Sonst fliege ich im hohen Bogen von dir runter.”

Das versprach Lukasz gerne und Crolito begann seine Expedition.

Lukasz wackelte weiter mit den Ohren und irgendwann rief Crolito: „Ich bin zwischen deinen Ohren und jetzt?”

Lukasz dirigierte seinen neuen Bekannten weiter nach unten direkt auf seinen Nasenrücken. Auwei, das kitzelte. Jetzt bloß nicht nießen. Zu spät.

Lukaszs Nasenspitze hob sich in Windeseile hoch. Schon wollte sich ein kräftiges Nießen aus seiner Nase befreien. Da kniff etwas unbarmherzig in seine Nasenflügel. Das Nießen erstarb, bevor es das Weite suchen konnte.

Lukasz öffnete seine Augen. Vor ihm stand ein winzig kleines Wesen auf acht Beinen, das ihn äußerst missmutig anstarrte. Es hatte einen für seine Verhältnisse mächtig langen Schwanz, an dessen Spitze sich ein gefährlich aussehender Zahn befand. Den Schwanz hatte es steil nach oben gerichtet. Das Wesen schrie aufgebracht: „Du hast versprochen, dass du mich nicht abschüttelst.”

„Du hast mir nicht gesagt, dass du mich kitzelst.”

„Was soll ich getan haben?”

„Du hast mich mit deinen kleinen harten Beinchen an der Nase gekitzelt. Meine Nase ist sehr empfindlich. Das sagte ich ja schon. Wenn man sie kitzelt, will sie ihr Inneres nach außen stülpen und dann nieße ich. Dabei entstehen mächtige Winde.”

„Ach so. Ich hab noch nie so einen Wind losgelassen.”

„Du hast ja auch einen Panzer an. Dich kann man ja gar nicht kitzeln. Apropos, was sind das für Dinger, die du in meine Nase haust? Das tut weh.”

„Entschuldigung. Das sind meine Scheren. Irgendwie musste ich mich ja festhalten. Wenn du mir versprichst, jetzt nicht mehr zu nießen, lass ich los.”

„Wenn du deine Beine ruhig hältst, muss ich auch nicht nießen.”

Gesagt. Getan. Lukasz betrachtete das kleine Wesen auf seinem Nasenrücken und prägte sich seine Größe und sein Aussehen genau ein.

„Ich grüße dich. Ein so kleines Wesen mit so großem Mut habe ich noch nie vorher gesehen. Mein Name ist Lukasz. Wer bist du?”

„Herzlich willkommen in meiner Welt der Sandhügel, Schwarzdraake Lukasz. Noch nie hat sich ein so mächtiges Wesen hierhin verirrt. Ich bin der Kneifer Crolito.”

Von diesem Moment an waren sie Gefährten. Gemeinsam suchten sie einen geeigneten Lagerplatz für Lukasz, den bald auch die anderen Bewohner des Ödlandes kannten und mieden. Lukasz lernte die Spuren von Kneifern lesen, die sich in den Sand eingegraben hatten und nachts auf Futtersuche gingen.

Crolito machte Lukasz auch mit anderen Bewohnern der heißen Sand- und Felslandschaft bekannt. Viele der Tiere duldeten den wegen seiner Größe und seiner Flügel bedrohlich wirkenden Lukasz, weil er einen guten Instinkt für Wasserquellen hatte und sie bereitwillig dorthin führte.

Gemeinsam mit der Schwanzrassel Tangi verbrachten sie so manche Stunde bei Sonnenuntergang mit tiefschürfenden Gesprächen über den Sinn des Lebens. Lukasz lernte seine selbst gewählte Einsamkeit zu ertragen, wenn auch seine Schuld schwer auf ihm lastete.

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