Herzlich willkommen in Senziwani
der Heimat aller Geschichten, Bilder und Lieder

Leseprobe

Margarete Lamsbach, Aufbruch nach Senziwani


Johan

...

Johan hatte schon lange nicht mehr an sein Elternhaus gedacht.

Jetzt schweiften seine Gedanken zurück zu der riesigen Villa inmitten eines hochherrschaftlichen Gartens, die einmal sein Zuhause gewesen war. Dem Anwesen sah man an, dass seine Besitzer seit Jahrhunderten enorme Reichtümer angesammelten hatten.

Doch das wusste Johan als Kind nicht. Ihm flößte das Riesenhaus mit seinen vielen Stockwerken und dunklen Gängen Angst ein. Außerdem war es dort auch im Sommer kalt. Wenn Johan sich zurückerinnerte, fror er immerzu.

Einmal hatte er zu seiner Mutter gesagt: „Mutter, hier ist es immer so kalt.“

Sie hatte ihn streng angesehen. „Johan, wenn du einmal ein würdiger Nachfolger deines Vaters werden möchtest, wirst du lernen müssen, mit Entbehrungen umzugehen. Je früher du dich darin übst umso besser. Also beschwere dich nie wieder darüber, dass du frierst.“

Der kleine Johan hatte gedacht, ich will gar kein würdiger Nachfolger von Vater werden. Dann muss ich ja immer frieren. Aber er sagte nichts und beschwerte sich auch nicht mehr, wenn er fror. Erst als er älter wurde, erkannte er, dass die Kälte in seinem Elternhaus nicht von den Mauern kam. Es waren die Menschen, die sie ausströmten wie ein Eisschrank mit weit geöffneter Tür.

Bei seinem Freund Hübi zuhause war das ganz anders. Hübi war der Sohn des Verwalters seines Vaters. Er lebte mit seiner Familie in dem Pförtnerhaus auf dem großen Anwesen. Hübi hatte noch zwei Geschwister und im Verwalterhaushalt ging es zu wie auf dem Rummel. Alle plapperten erst einmal gleichzeitig drauf los. Irgendwann merkten sie dann, dass die Eltern sie so gar nicht verstehen konnten. Dann trat Ruhe ein und ein Kind nach dem anderen erzählte von seinen Erlebnissen am Tag. Für jedes ihrer Kinder hatten die Eltern liebevolle Ratschläge und aufmunternde Worte. Auch für Johan, der von klein auf mit am Tisch saß, wenn seine Eltern ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkamen. Hier durfte er sein, wie er war.

Hübis Vater war es auch, der ihm das Radfahren beibrachte. Wenn Johan fiel, hob er ihn hoch und sagte: „Nicht aufgeben, Johan. Immer weiter üben, irgendwann klappt es dann.“ Mit einem Schmunzeln schickte er ihn ins Haus, um sich ein Trostpflästerchen zu holen.

Johan wusste, was das hieß. Hübis Mutter nahm ihn erst einmal in die Arme und wischte seine Tränen weg. „Tapferer kleiner Held“, sagte sie. Seine Schrammen wurden kurzerhand weggepustet und zur Krönung gab es eine heiße Schokolade mit viel Sahne drauf.

Johan liebte diese Familie. Die Tage, die er dort verbrachte, waren voller Sonnenschein und Wärme. Damals war er glücklich. Er vermisste nichts, auch nicht seine wirklichen Eltern. Sie waren ohnehin immer beschäftigt und hatten keine Zeit für ihn.

Seinen Vater sah er selten. Der ging wichtigen Geschäften nach. Wenn er da war, beachtete er seinen Sohn nicht weiter. Johan kannte es nicht anders.

Als er älter wurde und die Schule besuchte, lernte er die Anwesenheit seines Vaters fürchten. Die seltenen Momente, in denen sein Vater mit ihm sprach, waren unerfreulich. „Ich höre von deiner Mutter, dass dein Eifer in der Mathematik zu wünschen übrig lässt.“ „Vergiss nicht, dass Hübi der Sohn des Verwalters ist. Das Leben hat andere Aufgaben für ihn vorgesehen als für dich.“ „Morgen erwarten wir eine Auswahl wichtiger Gäste zum Abendessen. Ich wünsche, dass du an meiner Seite sitzt. Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst. Dein Verhalten wird vorbildlich sein.“

Die unnachgiebigen Blicke seines Vaters ließen Johan zu einem unbedeutenden kleinen Wicht schrumpfen. Jedenfalls fühlte es sich so an. Noch heute als erwachsener Mann empfand er im Beisein seines Vaters Unbehagen.

Die schöne Zeit endete, als Johan mit zehn Jahren auf ein Internat geschickt wurde. Von da ab sah er Hübi nur noch selten. Wie es ihm wohl jetzt ging? In Johans Herzen jedenfalls blieb die Erinnerung lebendig an heiße Schokolade mit Sahne und an liebevolle Umarmungen in einer warmen Verwalterküche.

  

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